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Junge Menschen und Digitalisierung – Interview mit Kathrin Prassel bei der Transferagentur NRW

9. Juni 2020

In einem Gespräch mit der Transferagentur NRW beantwortet Kathrin Prassel, Referentin für Bildungspolitik beim Landesjugendring NRW, Fragen zum Thema „junge Menschen und Digitalisierung“. In dem Interview wurde vor allem eines klar: eine klare Trennung zwischen analogen und digitalen Lebenswelten gibt es in dem Leben junger Menschen nicht.

Transferagentur NRW: Welche technischen Entwicklungen beeinflussen das Zusammenleben für junge Menschen in der Stadt / im ländlichen Raum?
Kathrin Prassel: Für fast alle Kinder und Jugendliche gilt: es gibt keine klare Trennung mehr zwischen analogen und digitalen Lebenswelten. Was in den sozialen Medien kommuniziert wird, ist ein genau so wichtiger Teil des Alltags und der Identität, wie Verabredungen mit Freunden und Hobbies. Hier gibt es keine klare Abgrenzung. Die Lebensräume Internet, Schule oder Jugendverband sind miteinander verwoben. Allerdings ist für junge Menschen in der Stadt eine permanente Verknüpfung von analoger und digitaler Kommunikation selbstverständlicher als für junge Menschen auf dem Land. Letztere wünschen sich zuerst eine bessere digitale Infrastruktur in ihrem Umfeld, bevor sie sich mit „Luxusproblemen“ wie der permanenten Erreichbarkeit und Datafizierung des Alltags auseinandersetzen. Beim flächendeckenden Zugang zu schnellem Internet ist der ländliche Raum besonders benachteiligt, was zu einer digitalen Kluft führt. Weitere Faktoren wie soziale Herkunft und Bildungshintergrund spielen eine Rolle beim ungleichen Zugang von jungen Menschen zu Informations- und Kommunikationstechnologien.

Transferagentur NRW:Welche Anforderungen stellt die Digitalisierung an die Bildungsangebote für junge Menschen?
Kathrin Prassel: Außerschulische Bildungsangebote der Jugendverbände und anderer Träger der Jugendhilfe bringen im Grunde alle Voraussetzungen mit, um neuen technischen Anforderungen zu begegnen. Sie knüpfen an den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen an und erheben diese zum Maßstab Ihrer Angebote. Wenn junge Menschen ihre Bildungsangebote selbst (mit)gestalten können, werden Fachkräfte der Jugendarbeit automatisch mit Technik und digitaler Kommunikation konfrontiert. Einige Pädagog*innen und ehrenamtlich Aktive haben selbst großen Spaß an neuen Technologien, andere fühlen sich überfordert mit deren Schnelllebigkeit und Komplexität. Hier braucht es gute Fortbildungen, um Berührungsängste zu nehmen und die innere Haltung zu überprüfen. Dabei geht es nicht darum Social Media Expert*in zu werden, sondern darum Logiken und Hintergründe neuer Entwicklungen zu verstehen. Junge Menschen werden oft als Digital Natives bezeichnet, was den Eindruck vermittelt, sie bräuchten keine Unterstützung und Begleitung in ihrem Medienverhalten. Doch Medienkompetenz zielt auch auf das Hinterfragen von Technik ab. Im Sinne einer umfassenden Lebens- und Persönlichkeitsbildung sollten Fachkräfte, Lehrer*innen und auch Eltern junge Menschen kritisch begleiten können. Das politische Ziel muss sein: Erziehung zur „Digitalen Lebenskompetenz“.

Transferagentur NRW: Wie können neue Medien die Partizipation und Teilhabe junger Menschen unterstützen? (gerne Beispiele aus kommunalen Bildungslandschaften)
Kathrin Prassel: Das Internet ist realer Lebensraum für junge Menschen. YouTube, WhatsApp oder Instagram sind zentrale Kanäle um Informationen zu erhalten, zu verbreiten und sich zu positionieren. Influencer*innen sind für Jugendliche wichtige Personen, um Inhalte zu vermitteln. Doch auch klassische Online-Medien sind nach wie vor eine Hauptquelle, um sich über aktuelles Tagesgeschehen zu informieren. Durch neue Medien ist es für junge Menschen einfacher geworden, ihre Meinung kundzutun und sich selbst politisch zu organisieren. Die Fridays For Future Bewegung dürfte aktuell das prominenteste Beispiel für eine neue Form der Selbstorganisation mithilfe von neuen Medien sein. Jugendliche sind hochaktive Konsument*innen verschiedener Formate und dies sollte bei der Planung von Partizipationsverfahren zum Beispiel in der Kommune berücksichtigt werden. Online-Partizipation ermöglicht andere Aspekte der Einbeziehung junger Menschen als tradierte Verfahren, die eine persönliche Präsenz verlangen. Es geht nicht um entweder oder, sondern um sowohl als auch. Die Plattform jugend.beteiligen.jetzt (https://jugend.beteiligen.jetzt/) beispielsweise gibt Anregungen, um neue Wege einzuschlagen.

Transferagentur NRW: Was wünschen sich junge Menschen von ihrer Stadt/ihrer Kommune in Bezug auf digitale Veränderungsprozesse?
Kathrin Prassel: Jugendgerechte Informationen und Zugänge zu kommunalen Freizeit- und Beratungsangeboten könnten durch eine stärkere Online-Präsenz der Kommune angestoßen werden. Dabei müssen für junge Menschen relevante Fragen wie, welche Kulturangebote gibt es vor Ort oder welche Beratungsmöglichkeiten gibt es im Bereich Übergang von Schule zu Beruf im Fokus stehen. Doch auch Themen des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes wie Hilfe bei Sucht oder Mobbing sind oft nicht ausreichend bekannt und müssten besser kommuniziert werden.
Insgesamt sollten Kommunen digitale Tools nutzen, um mehr Transparenz im kommunalen Verwaltungshandeln herzustellen und junge Menschen dadurch eine bessere Teilhabe zu ermöglichen. Streaming von öffentlichen Sitzungen oder Verwaltungsprozesse ohne Behördengang online erledigen zu können ist in Estland gängige Praxis, in Deutschland jedoch eine Seltenheit. Hier braucht es eine neue Haltung und Offenheit in Bezug auf die Chancen und Vorteile der Digitalisierung.

 

Das Interview gibt es hier im PDF-Format bei der Transferagentur NRW

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